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Es gibt einen, der glaubt nicht, dass Fleisch gesundheitsschädlich ist, und Kühe Klimakiller sind: Globalfood und Agribusiness-Network-Chef Peer Ederer.

Peer Ederer spricht die auf der Klima-Anklagebank sitzenden Kühe in allen relevanten Punkten frei. ©Unsplash

“Ich stelle das sehr deutlich in Frage”, antwortet Wirtschaftsforscher Peer Ederer, wenn es darum geht, dass Wissenschaftler, Politiker, Weltklimarat & Co in Dauerschleife dazu aufrufen, weniger Fleisch zu essen. Und argumentieren, das sei nicht nur klimaschädlich, sondern auch ungesund. Dass die Rinder Methangas produzieren, bestreitet Ederer naturgemäß nicht. Die Menge an Methan pro Nahrungsmitteleinheit bei den Berechnungen variiert ihm aber zu extrem: “Eine europäische Hochleistungskuh produziert pro Liter Milch oder Kilogramm Fleisch viel weniger Methan als eine afrikanische Kuh. Bei den Berechnungen für Treibhausgaseinsparungen durch Verzicht auf Rinder werden aber immer globale Durchschnitte verwendet, das macht keinen Sinn.” Im Übrigen werde auch noch gern übersehen, dass insbesondere Weidekühe dazu beitragen, dass Methan im Boden eingelagert wird. “Weil sie die Weide mit ihren Hufen bearbeiten, wird eine Bodenschicht mit Bakterien geschaffen, die sich von Methan ernähren. Sie nehmen es aus der Luft auf und wandeln es in unschädliche Eiweißstoffe um.” Dieser bedeutsame Prozess, sagt Ederer, wird faktisch in allen Veröffentlichungen und Statements ignoriert: “Es gibt Schätzungen, dass die Bakterien den gesamten Methanausstoß der Rinder kompensieren könnten.”

Und die Sache mit den Ressourcen?

Die Frage, ob die beiden Effekte sich tatsächlich neutralisieren könnten ist aber schlecht erforscht. “Es gibt nur wenige Studien, die versucht haben, eine Antwort zu finden. Das Wenige, was daraus abzuleiten ist, ist, dass die methanotrophen Bakterien im Boden mehr Methan absorbieren, als die Kühe emittieren und zwar in einem Ausmaß, dass sogar die Stallkühe mitkompensiert werden.” Dass es diesen Effekt gibt, werde von den meisten Klimaforschern nicht bestritten. “Er wird aber meistens eben ganz ignoriert, oder in einer Fußnote im Methodikteil als unbekannte Größe deklariert und dann außer Acht gelassen.” Warum es nicht mehr Forschungen dazu gibt, ist Ederer unerklärlich: “Schließlich geht es ja um die Frage, wie wir das Klima retten können. Oder geht es in Wirklichkeit um einen Feldzug gegen den Fleischkonsum? Auch das Faktum, dass man für ein Kilogramm tierisches Lebensmittel fünf bis sechs Kilogramm pflanzliche Produkte einsetzen muss, und darum mehr Land und Ressourcen braucht, lässt sich aus der Edererschen Sicht entkräften: “Wenn man dies in Proteine, die relevante Einheit, umrechnen würde, wären zum Beispiel Rinder gar nicht so weit von Schweinen entfernt. Es gibt die typischen Zahlen, dass man für ein Kilogramm Rindfleisch acht Kilogramm Futter benötigt, beim Schwein drei Kilogramm und beim Huhn 1,5 Kilogramm. Wenn man diese Zahlen nach dem Nährstoffgehalt adjustieren würde, wären sie viel enger beieinander.”

Gemüse erzeugt weniger Treibgas als Fleisch. So viel ist klar.

Dass Gemüse in der Produktion weniger Treibhausgase erzeugt als Fleisch, auch wenn man die Zahlen richtig adjustiert, das weiß der Forscher. Dennoch wirft er auch hier eine nicht ganz unerhebliche Frage auf: “Meines Wissens hat aber noch niemand seriös berechnet, ob wir überhaupt genug Flächen in der Welt hätten, um ausreichend Gemüse anzubauen, und ob man jedes Stück Land, wo man Soja für Rinderfutter anbaut, dafür verwenden könnte.” Ein Szenario geht ihm dabei nicht mehr aus dem Kopf. Und das sieht in etwa so aus:

“Dass man auf irgendwelchen Halbwüsten, wo derzeit Rinder rumstehen und Fleisch und Milch produzieren, auf einmal Gemüse anbauen wollte. Man müsste sie intensiv bewässern, düngen und würde damit wieder Treibhausgase verursachen.”

Auch zum optimalen Niveau des Fleischkonsums hat Ederer eine sehr eigene Meinung. Aktuell ist der Status Quo ja, dass wir in den Industrieländern einen sehr hohen Fleischkonsum haben und die Schwellenländer stark aufholen. Er sagt dazu, es gäbe keinen Grund, der Menschheit heute oder 2050 eine gute Menge an Fleisch-, Eier- und Milchkonsum zu verwehren. “Entgegen anderer Behauptungen gibt es keine Grenze des Guten. Umso mehr fleischliches Protein, desto besser. Wir haben in der westlichen Welt einen so hohen Lebensstandard auch daher, weil wir viele tierische Eiweißprodukte konsumieren.” Das habe einen enormen Gesundheitsvorteil, und er sehe keine Handhabe, anderen Völkern zu sagen, ihr dürft diese Gesundheit nicht genießen. “Wir müssen die globalen Ressourcen so aufteilen, dass jeder Zugang dazu hat.”

Fleischverzicht kommt den Haustieren zugute

Sie sind dennoch der Ansicht, zugunsten des Klimas auf Rindfleisch verzichten zu wollen? Dann wird das trotzdem nicht helfen, sagt Ederer: “Rinder werden in erster Linie für die Milchwirtschaft gehalten, das Fleisch ist eher ein Nebenprodukt. Schon jetzt besteht ein riesiges Überangebot an Rindfleisch im Markt, das von den Kunden nicht verzehrt wird.” Die Verbraucher würden fast nur Steaks oder Hamburger essen, ein Rind aber bestehe aber aus viel mehr Fleischarten und Innereien, die als ungenießbbar empfunden werden: “Daher werden zunehmend immer größere Mengen Rindfleisch zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet. Das ist der am schnellsten wachsende Fleischmarkt überall auf der Welt.” Genaue Zahlen lassen sich dazu freilich nicht finden. Fest steht jedoch, sagt der polarisierende Forscher:

“Solange Sie nicht auch ihren Milchkonsum – und Butter, Eis, Torte, Käse etc., deutlich einschränken, wird Ihr persönlicher Fleischverzicht in erster Linie den Haustieren zugute kommen, aber keine einzige Kuh in der Welt weniger bedeuten.”

Peer Ederer studierte Betriebswirtschaftslehre an der Sophia Universität in Tokyo (Japan) und an der Harvard Business School in Boston (USA) und promovierte über die finanziellen Beziehungen zwischen dem Staat und den Bürgern. Er ist wissenschaftlicher und Programm-Direktor des „Global Food and Agribusiness Network“. Von 2012 bis 2016 war er Projektleiter des EU-Forschungsprojekts „LLLight‘in‘Europe“ über Lebenslanges Lernen, Innovation, Wachstum und Humankapital-Wege. Als Unternehmer betreibt er die Firma „Africa Enablers“, mit der er nachhaltige und kosteneffiziente Infrastrukturlösungen für afrikanische Länder entwickelt. Ederer weist darauf hin, dass Auftragsforschungen mit Zielvorgaben oder Lobbyarbeit in jedweder Form nicht Bestandteil seiner Arbeit sind. Am 5. September war er beim Symposiums “food & feed 4.0” im Schloss Grafenegg zu Gast. http://www.ecoplus.at