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Wer sich traut, in einem Kinderbuch Massentierhaltung zu thematisieren, der erntet neuerdings gern einen Shitstorm von konventionellen Schweinemästern.

„Wir zeigen Sie an, wir sorgen dafür, dass das Buch verboten wird, wir machen Sie auf Facebook fertig, und wir sind viele!“

Mit diesen Worten brüllte ein konventioneller Schweinezüchter vor wenigen Tagen die Klett Kinderbuch-Verlegerin Monika Osberghaus durchs Telefon an. Der Grund für den verbalen Ausbruch des Wutbauern: Das Kinderbuch “Alles Lecker”, das der Verlag vor acht Jahren auf den Markt gebracht hat. Darin versucht man sich an einer kindgerechten Aufarbeitung der Themen Ernährung und Nutztierhaltung. Gestört hatte sich nie jemand daran. Bis das Buch kürzlich bei einer konventionellen Schweinemästerin landete und dort große Empörung hervorrief. Die ging schließlich soweit, dass sie auf ihrem Blog zum Boykott aufrief und damit einen Shitstorm konventioneller Bauern in den sozialen Medien auslöste. Stein des Anstoßes: Zwei Bilder auf einer Seite des Buches. Links Bioschweine, rechts Schweine in konventioneller Haltung. Die Illustration lässt keine Fragen offen. Und das ist auch gewollt: “Unsere Bücher sind keine Schulbücher; sie lassen gerne auch Haltungen erkennen, und das ist gut so”, sagt der Verlag. Was hat die Schweinezüchterin kritisiert? “Dass unser Buch zum Mobben von Bauernkindern aufruft. Sie habe deshalb sogar weinen müssen”, sagt Osberghaus.

So sieht eine Seite in einem Kinderbuch aus, die einen Shitstorm nach sich zieht. © www.facebook.com/KlettKinderbuch

Mittlerweile hat die eine Erklärung dafür: “Offenbar fürchten die konventionellen Tierzüchter tatsächlich um ihre Existenz oder fühlen sich politisch unter Druck gesetzt.” Weit hergeholt dürfte diese These nicht sein. Gerade was das Thema Schweinehaltung betrifft, ist die Öffentlichkeit in ihrer Kritik nicht mehr zimperlich. Ihre schmerzhafte, betäubungslose Kastration, ihr kurzes, sechsmonatiges Leben auf Vollspaltenböden ohne jede Beschäftigungsmöglichkeit, dass sie am selben Fleck (gentechnisch verändertes Soja) fressen, schlafen, urinieren und koten, die Kastenstände säugender Sauen, die Schlachtung der Tiere unter Stress, das alles berührt immer mehr Menschen. Ganze 60 Prozent aller Schweine leben übrigens allein in Österreich so.

Elternsorgen und die Falschinfo über Wachstumsförderer

Auf der anderen Seite stehen die heutigen Eltern, die ihre Kids am liebsten vor allem Übel beschützen würden. “Genau dagegen bin ich hier einmal angetreten, als ich den Verlag gründete”, sagt Osberghaus. “Gegen diesen ganzen glitzerrosa Mainstream-Mist.” Deshalb überlegt sie sich auch gerade, ein ganzes Bauernhof-Buch zu produzieren: “Mal nur mit Schweinen, die nicht süß sind und dauernd lachen.” Da stellt man dann auch die mittlerweile überholte Info im Hinblick auf die Wachstumsförderer richtig, genau wie auch in der nächsten Auflage von “Alles Lecker”. In der EU ist der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsmittel heute nämlich offiziell verboten. Tatsächlich brauchen konventionelle Nutztiere, wenn sie auf engem Raum leben, die Medikamente allerdings häufig zur Behandlung von Krankheiten. Sicherheitshalber erhält dann oft gleich die ganze Herde die Therapie, manchmal werden die Mittel sogar vorsorglich verabreicht. Auch die ebenfalls kritisierte Hundesitzigkeit eines Schweins auf dem Biobild, ein deutliches Krankheitssignal, wird man sich vermutlich künftig sparen. “In der jetzigen Ausgabe von „Alles lecker!“ ist offenbar eine nicht mehr aktuelle Darstellung von Massentierhaltung. Wir werden das prüfen und entsprechend in der nächsten Auflage ändern”, sichert der Verlag zu, sagt aber auch: “Unsere Haltung zur Massentierhaltung wird sich nicht ändern. Im Gegenteil: Die Reaktionen hier zeigen, wie bedeutsam das Thema ist, auch für Kinder.”

Wie geht es jetzt weiter?

Aktuell versucht der Verlag nicht nur, den  noch immer in den sozialen Medien tobenden Shitstorm durchzustehen, sondern auch die Sache mit Amazon zu regeln. Dort ist “Alles lecker” nämlich mittlerweile mit 69 Prozent negativen Rezensionen konfrontiert, keine einzige davon stammt aus einem verifizierten Kauf. Zu lesen ist da etwa: “99 Prozent der Landwirtschaft mit Lügen und Bio-Propaganda in den Dreck zu ziehen soll also Kindern etwas nützen?” Oder: “Eltern die ihren Kindern so einen Schwachsinn vorlesen, sind schlechte Eltern.” Verlegerin Osberghaus ruft derweil alle Parteien zur Mäßigung auf. Ihre Conclusio:

Insgesamt ist es interessant und zeigt, dass das Eisen, das wir in ein paar Sätzen im Buch vor knapp acht Jahren angefasst haben, immer heißer geworden ist. Es wird sich etwas ändern müssen. Das spüren auch die Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Aber das ist nicht unsere Baustelle, und unser Buch hat dies weder verursacht noch verschlimmert. Es musste jetzt herhalten.”

Dem Dialog mit Landwirten steht der Verlag übrigens sehr offen gegenüber. Auf verschiedene Einladungen von Landwirten auf ihre Höfe, die auch bereits eingetrudelt sind, will man zurückkommen.

Das Buch: “Alles Lecker”

Von Lieblingsspeisen, Ekelessen, Kuchendüften, Erbsenpupsen, Pausenbroten und anderen Köstlichkeiten

Autorin Alexandra Maxeiner, Illustratorin Anke Kuhl Umfang 40 Seiten, gebunden, Alter: ab 5 Jahre,

Format 22 × 26,7 cm Preis EUR 14,40 [A] ISBN 978-3-95470-057-8, Verlag: Klett Kinderbuchverlag

http://www.klett-kinderbuch.de

Sie wollen sich jetzt selbst einen kleinen Einblick verschaffen? Hier gibt es eine Leseprobe von “Alles Lecker”:

https://www.klett-kinderbuch.de/files/content/books/A-E/Alles-lecker/Alles-lecker_Leseprobe.pdf