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Werden wir mit Unmengen Billig-Steaks aus Südamerika überflutet, jetzt wo das Mercosur-Abkommen kommt? Die heimischen Bauern haben genau davor Angst.

Aktuelle Zahlen? Sagen, dass Rindfleisch aus Südamerika nur einen Bruchteil des EU-Konsums ausmacht. ©Wikimedia

Was Fleisch betrifft, sind sie quasi unantastbar, die Südamerikaner. Das muss man ihnen schon lassen. 53,5 Millionen Rinder werden allein in Argentinien gehalten.  2,65 Millionen Tonnen Fleisch wurden zuletzt daraus. Brasilien freilich toppt diese ungeheure Zahl noch. Ganze 214 Millionen Tiere werden dort gehalten, die in einer Produktion von 9,3 Millionen Tonnen Fleisch landen. Im Vergleich dazu nehmen sich die EU-Zahlen bescheiden aus. Dort leben 88,4 Millionen Rinder. In Österreich? Tummeln sich 1,91 Millionen. Und die Fleischproduktion fällt mit 221.000 Tonnen sowieso unter ferner liefen. Angesichts dieser Zahlen scheinen die Ängste der heimischen Bauern berechtigt, künftig in einer südamerikanischen Fleischflut unterzugehen. Schließlich wurde im Juni das neue Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten (Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay) vereinbart, das dem Import Tür und Tor öffnen soll.

“Das geht nicht zusammen”

Doch nicht nur die völlig andere Größenordnung macht Angst. Geht es um Mercosur, fallen auch noch Stichworte wie genmanipulierte Monokulturen, Hormonfleisch-Massenproduktion, großzügiger Antibiotika-Einsatz, fehlender Umwelt- und Klimaschutz und, dass die Schlachtkörper fallweise mit Chlorgas oder Röntgenstrahlen für den Überseetransport haltbar gemacht sind.

Was verspricht sich die EU von dem Freihandelsabkommen?

In den vier Mercosur-Ländern Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay leben mehr als 260 Millionen Menschen. Zusammen bilden sie die fünftgrößte Wirtschaftsregion der Welt mit einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt von über zwei Billionen Euro. Bereits 2017 exportierten EU-Unternehmen Waren im Wert von rund 45 Milliarden Euro in den Mercosur. Insgesamt könnten nach EU-Angaben 60.500 europäische Unternehmen profitieren.

Was hat Mercosur davon?

Brasilien und Argentinien möchten vor allem Agrarprodukte wie Fleisch und Soja an die EU-Staaten verkaufen. Fallen die Zölle (derzeit 40-45 Prozent) auf landwirtschaftliche Erzeugnisse, geht das leichter.  Die Preise für Lebensmittel wie Rindfleisch, Geflügel und Zucker könnten fallen. Der lateinamerikanische Agrarsektor ist sehr wettbewerbsfähig. Man produziert in größerem Ausmaß kostengünstiger. Die EU-Bauern fürchten, diesen Agrargroßmächten nicht gewachsen zu sein.

Wie reagiert die EU?

Die EU-Kommission sagt, es werde für europäische Bauern zwar neue Herausforderungen geben. Zunächst dürften aber nur bestimmte Mengen an Produkte eingeführt werden. Zudem will die EU betroffene Landwirte unterstützen, mit der neuen Situation zurechtzukommen.

Warum kritisieren Umwelt- und Verbraucherschützer das geplante Abkommen?

Sie befürchten, dass neue Absatzmärkte dazu führen könnten, dass die Weide- und Anbauflächen erweitert werden und dafür der Amazonas-Regenwald weiter abgeholzt wird. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro gilt als Freund der Agrarindustrie, Umweltschutz gehört nicht zu seinen Prioritäten.

Im Übrigen ist von Pestiziden die Rede, die in Europa schon lange verboten sind, etwa dem hochgiftigen Herbizid Paraquat. Mal ganz abgesehen vom genmanipulierten Soja, das in großem Stil angebaut wird und der Abholzung des Regenwaldes. Groß angelegten Produktionskapazitäten stehen die noch immer kleinteilige österreichische Landwirtschaft und ihre Panik vor Wettbewerbsverzerrung gegenüber. Auch im Zucker- und Ethanolgeschäft sind die Mercosur-Staaten gut aufgestellt. Rübenbauern-Präsident Ernst Karpfinger befürchtet bereits das Schlimmste: „Während in Europa ständig die Pflanzenschutzmittel reduziert und verboten werden, könnten dann die Mercosur-Länder Zucker mit den dort geltenden Produktionsmethoden, die bei weitem nicht mit unseren hohen Standards vergleichbar sind, nach Europa liefern.” Bauernbund-Präsident Georg Strasser fährt die selbe Linie. Österreichs Landwirten würden einerseits laufend höhere Lebensmittelstandards abverlangt, andererseits wachse durch Pakte wie diese der Wettbewerb. Für ihn “Geht das nicht zusammen.” Doch wie schaut die Sache in nacken Zahlen aus? Europa importiert heute 200.000 Tonnen Rindfleisch jährlich aus dem Mercosur – mit hohen Zöllen von 40 bis 45 Prozent. Das neue Abkommen senkt die Zölle für 99.000 Tonnen, für alle darüber hinaus bleibt es beim hohen Zoll. Beim Geflügel geht es um 180.000 Tonnen, um  25.000 Tonnen beim Schwein. Dazu kommen 650.000 Tonnen Ethanol sowie Honig, Käse, Milchpulver und Babynahrung. “Wir befürchten, dass im sensiblen Agrarsektor massive Zugeständnisse hingenommen wurden, um das Abkommen schnellstmöglich unter Dach und Fach zu bringen”, so Strasser. Im Gegenzug exportieren? Könnte Österreich etwa Kürbiskernöl als geschützte Marke. Große Exportchancen scheinen sich aber nicht aufzutun. Und die Agraraußenhandelsbilanz sieht auch nicht gut aus. Die Exporte steigen zwar, das ändert am Minus aber nichts. 2018 lag es bei 144 Millionen Euro (Volumen: 172 Millionen). Einer der sagt, ein Bauernsterben in Österreich sollte angesichts dieser Zahlen dennoch ausbleiben, ist Jörg Wojahn, Vertreter der Europäischen Kommission in Österreich. “Nicht nur weil die Europäische Union die verbleibenden Härten mit entsprechenden Finanzmitteln abfedern wird – wie sie das für unsere Bäuerinnen und Bauern noch immer getan hat”, sagt er, “sondern auch weil das Mercosur-Abkommen den großen südamerikanischen Markt für die verarbeiteten und besonders hochwertigen Lebensmittel öffnet, die ja das Erfolgsgeheimnis der heimischen Landwirtschaft sind – Stichwort steirisches Kernöl und Tiroler Speck.” Wie genau die EU sich eine Abfederung vorstellt? Mehrere Mechanismen sollen greifen: Einerseits sind die Nahrungsmittelimporte weiterhin durch Kontingente begrenzt. Schon alleine dadurch sollte es zu keiner Importflut kommen. Und wenn doch, dann gibt es Gegenmaßnahmen. Kommt es zu einer “Marktstörung” steht ein Hilfspaket in Höhe von einer Milliarde Euro für die Agrarwirtschaft bereit. Bleibt die eingangs gestellt Frage: Werden künftig mehr argentinische Steaks auf den EU-Tellern landen? Die Antwort ist, ja, davon kann man ausgehen. Doch am Ende des Tages entspricht die endgültige Quote 1,2 Prozent des gesamten Rindfleisches, das wir in der Europäischen Union konsumieren. Da von einer Flut zu sprechen, scheint leicht übertrieben. Abgesehen davon ist das Abkommen in der derzeitigen Version ohnehin nicht beliebt. SPÖ, FPÖ, ÖVP-Bauernbund, Grüne, ÖGB und Arbeiterkammer sagen aktuell Njet dazu.