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Die derzeitige EU-Kommission könnte vor dem Herbst noch rund ein Dutzend Zulassungen für Gentechnik-Pflanzen erteilen. Doch es gibt Widerstand

Im Visier der Kritiker sind allem voran drei Gentechnik-Mais-Varianten. © Panthermedia

Was schätzen Sie, wie viele Gentechnik-Pflanzen für den Import und die Verwendung in Lebens- und Futtermitteln in der EU zugelassen sind? Mittlerweile sind es tatsächlich über 70. Das Problem daran: Es gibt noch keine Untersuchungen über die Kombinations- und Langzeitwirkung des Verzehrs einer Mischung dieser Pflanzen. Dass die noch im Amt befindliche EU-Kommission vor ihrer Ablösung im Herbst noch eine Reihe weiterer strittiger Zulassungen von Gentechnik-Pflanzen durchwinken  könnte, das missfällt jetzt einigen. Genauer gesagt über 40 Organisationen* aus den Bereichen Wissenschaft, Umweltschutz, Lobby-Kontrolle, Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Zusammen warnen sie in einem offenen Brief vor einem Dutzend Zulassungen für Gentechnik-Pflanzen, deren Risikobewertung wissenschaftlich unzureichend ist.

Zwölf Anträge zur Zulassung angemeldet

Der konkrete Dorn im Auge sind zwölf Anträge, die bereits zur Zulassung angemeldet und geprüft sind. Darunter sind beispielsweise drei für den Anbau vorgesehene Gentechnik-Mais-Varianten, die Insektengifte produzieren. Eine Variante davon ist der Mais Mon810 (Bayer/Monsanto), der in Spanien bereits angebaut wurde und dessen Zulassung nun verlängert werden soll. Die Kritiker befürchten eine unkontrollierte Ausbreitung dieser Gentechnik-Pflanzen. Im spanischen Fall könnte eine dort ansässige mit dem Mais verwandte Wildpflanze (Teosinte) mit dem Mais hybridisieren und Nachkommen mit unerwarteten Eigenschaften und Risiken für die Umwelt hervorbringen. Andere Pflanzen sind mehrfach gentechnisch verändert. Es gibt Mais-Varianten, die bis zu sechs Insektengifte produzieren und gleich mit mehreren Herbiziden gespritzt werden können. Etwaige Wechselwirkungen der verschiedenen Giftstoffe und deren Folgen für die Lebensmittelsicherheit wurden nicht untersucht. Eine der für den Import vorgesehenen Maispflanzen ist zusätzlich mit neuartigen Risiken verbunden: Der Mais MON 87411 produziert eine sogenannte doppelsträngige RNA (dsRNA). Die biologisch wirksamen Moleküle werden von den Insekten beim Verzehr der Pflanzen über den Darm aufgenommen und können dann in Genregulation und Zellstoffwechsel eingreifen. Dadurch sollen Insekten, die von den Pflanzen fressen, getötet werden. Die Sicherheit der Maispflanzen in Bezug auf Mensch und Umwelt lässt sich nicht verlässlich abschätzen, weil die damit zusammenhängenden biologischen Mechanismen sehr komplex sind.

EU Parlament vs. EU-Kommission

Ein Problem an der Geschichte ist, dass sich das EU-Parlament und die EU-Kommission nicht einig sind. Erstgenanntes hat sich in den letzten Jahren mehrfach gegen weitere Zulassungen ausgesprochen, zweitgenannte hat diese Resolutionen aber nicht berücksichtigt. Die Befürchtung der Unterzeichner des offenen Briefs ist jetzt, dass es unter der aktuellen EU-Kommission eine weitere regelrechte Zulassungswelle von Gentechnik-Pflanzen geben könnte und noch mehr Importe nach der EU-Wahl.  Die wichtigsten gemeinsamen Forderungen fasst Heidemarie Porstner, Gentechniksprecherin der Umweltschutzorganisation Global 2000 so zusammen: „Es braucht auf EU-Ebene dringend höhere Standards in der Risikobewertung von gentechnisch veränderten Organismen. Der Schutz der Umwelt und der menschlichen Gesundheit sollte längst höchste Priorität genießen. Wir ersuchen den aktuellen Gesundheitskommissar Andriukaitis, daher dringend, von Gentechnikzulassungen in letzter Minute abzusehen.“

*Die Unterzeichner des offenen Briefs: ARGE Gentechnik-frei, Arbeitsgemein­schaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Corporate Europe Observatory (CEO), European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENSSER), Friends of the Earth Europe (FOEE), Gen-ethisches Netzwerk (GeN), GeneWatch UK, Global 2000, Save our Seeds (SOS), Slow Food Deutschland, Testbiotech.

Link zum Brief: https://www.testbiotech.org/node/2370