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Kühe, die bis zum Bauch in Gülle stehen und Schafe, die einfach verhungern: In der Steiermark steigen die Fälle von gequälten Nutztieren. Doch woran liegt’s?

Sobal es um gequälte Nutztiere geht, wird gern das Argument “Überforderung” ins Spiel gebracht. ©VGT

Gefühlt tausend Ratten. Eine davon frisst an einem zusammengebrochenen Schaf. Mindestens zwölf tote Artgenossen liegen herum. Ein verendetes Schwein und ein halb verwester Hahn auch. Fotos von diesem Anblick, der sich im Jänner 2018 auf einem Anwesen nahe Graz bot, ersparen wir Ihnen. Den haben selbst die die hart gesottenen Tierschützer und Amtstierärzte bis heute nicht vergessen. Die Ursachen? Managementbedingte Fehler und schwerwiegende Unterlassungen der Betreuung und tierärztlichen Versorgung der Tiere, heißt es. Das Verfahren wegen Tierquälerei läuft. Zur gleichen Zeit in Deutschlandsberg: Einem Bauern werden 108 Schafe, acht Ziegen, neun Esel und fünf Degus abgenommen, alle abgemagert, krank und verwahrlost. 26 Tiere sind tot, drei müssen vor Ort euthanasiert werden. Die Konsequenz? Zwölf Monate Freiheitsentzug, vier Monate davon unbedingt. Leibnitz, Oktober 2018: Zwei Kühe eines Landwirts stehen abgemagert in einem 70 m² großen Stall 55 cm hoch in Gülle. 55 Zentimeter, das heißt bis knapp unter dem Bauch. Bewegen können sie sich nicht mehr, liegen sowieso nicht.

Bis Tiere 55 cm hoch in Gülle stehen, wie hier, braucht es laut Berechnung 304 Tage ohne Ausmisten. ©BH Leibnitz

Der Tierhalter gibt persönliche Schwierigkeiten an, deshalb habe er seit März 2018 nicht mehr ausgemistet. Die Rechnung der Amtstierärzte sieht freilich anders aus: Geht man von einer täglichen Gülleproduktion von 0,055 m³ pro Tag aus, dauert es mindestens 304 Tage, bis sie so hoch steht. Das Verfahren läuft noch. Diese drei Fälle stehen stellvertretend für mehr als 700 Nutztiere, die steirischen Bauern 2018 abgenommen wurden.

Geht’s den Menschen gut, geht’s den Tieren gut?

347 Anzeigen in Sachen Tierquälerei bei Nutz- und Haustieren ging die steirische Tierschutzombudsstelle 2018 nach, wovon 227 tatsächlich Tierschutzübertretungen waren. „Gegenüber 2010 bedeutet das ein Plus von 285,6 Prozent“ sagt Tierschutzombudsfrau Barbara Fiala-Köck, die die Situation nicht beschönigt. Sie spricht von “einer erschreckend hohen Anzahl von schweren Fällen von Tierquälerei”. In der Regel sei das Tierleid mit dem Leid von Menschen assoziiert: “Die Überforderung, Vereinsamung und eine gewisse Gleichgültigkeit spielen ebenso eine Rolle wie eine auch von uns beobachtete zunehmende Verrohung der Gesellschaft.”

Facts Tierquälerei

  • Muss die Behörde in Österreich ein landwirtschaftliches Nutztier abnehmen, weil es sonst Schmerzen, Schäden oder schwere Angst zu erleiden hätte, wird es in Viehställen untergebracht und auf Kosten des bisherigen Tierhalters versorgt.
  • Der Halter hat dann zwei Monate Zeit, die Voraussetzungen für eine ordnungsgemäße Tierhaltung zu schaffen. Wenn das gelingt, werden die Tiere dem Halter zurückgegeben.

Was hält man dem Problem entgegen? Man setzt auf Aufklärung und Zivilcourage, um Tierleid im Vorfeld zu verhindern: Köck: „In dörflichen Strukturen ist häufig bekannt, wo es Probleme gibt. Und ich denke es wäre hier einfach wichtig, Zivilcourage zu haben und vielleicht hinzugehen und zu fragen, ob jemand Hilfe braucht. Denn wenn es den Menschen gut geht, ist davon auszugehen, dass es auch den Tieren besser geht.” Doch wie ist es um die Zivilcourage tatsächlich bestellt? “Gerade im ländlichen Raum entgeht es den Nachbarn und der Umgebung nicht, wenn gravierende Missstände über längere Zeit auftreten. Bevor die Behörden eingreifen, muss es aber in aller Regel zu extremen Auswüchsen an Grausamkeit kommen”. So brachten es die Abgeordneten Brunner und Brosz in einer parlamentarischen Anfrage betreffend “Landwirt als Tierquäler” schon 2009 auf den Punkt. Die Behörden? Die würden mit drin hängen, sagen sie. Tierquälerei an landwirtschaftlichen Nutztieren würde vielfach noch als Kavaliersdelikt behandelt. Deshalb zögere die Umgebung umso mehr, Anzeigen zu erstatten und gegen die Missstände aufzutreten: “Ein Teufelskreis aus Qual, Schweigen und Vertuschen entsteht, wobei meist auch die Situation der überforderten oder gestörten Tierhalter eine schlimme ist.”

Liegt’s an zu wenigen Nutztierärzten

Eine Aufstockung der Amtstierärzte und eine starke Erhöhung der Kontrollen. Das ist David Richters Lösung des Dilemmas. Richter ist Kampagnenleiter bei der Tierschutzorganisation Verein gegen Tierfabriken (VGT). Nur so könne man überforderte Landwirte früher entdecken, die sich nicht um ihre Betriebe kümmern können oder wollen, sagt er. Und fügt hinzu: „Rinder magern nicht von heute auf morgen ab.”

In der Steiermark alleine gäbe es mehr als 20.000 Rinder-, Schweine-, Schaf- und Ziegenbetriebe, dazu noch etliche Hühnermasten und Legehennenbetriebe. “Dem gegenüber stehen gerade einmal etwas mehr als 20 Amtstierärzte für das ganze Bundesland.”  Was Richter in seiner Rechnung allerdings nicht berücksichtigt, ist das Rekrutierungsproblem im Nutztierbereich, in dem heute noch rund ein Drittel der österreichischen Veterinärmediziner arbeitet. Tierärztekammer-Präsident Kurt Frühwirth kennt es zu gut. In ländlichen und infrastrukturschwachen Regionen zu arbeiten ist unattraktiv. Und die Nutztierpraxis aufgrund der ständigen Erreichbarkeit und Einsatzbereitschaft kaum mit einer Familie zu vereinbaren. “Lebensform” nennen die Nutztierärzte ihren Beruf gern, sagt Frühwirth. Eine Lösung für das Problem? Man versucht sich an einer eine frühen Vernetzung von Studierenden mit dem ländlichen Bereich durch Praktika und wissenschaftliche Arbeiten. Die soll zur verstärkten Ansiedlung am Land führen.  Ob sie allerdings die Pensionierungswelle ausgleicht, die in den kommenden fünf bis zehn Jahren auch noch heranrollt, steht in den Sternen. Und die stehen für Nutztiere angesichts der neuen Zahlen offenbar gerade nicht so gut.

Den gesamten Tätigkeitsbericht 2018 der Tierschutzombudsstelle Steiermark finden Sie hier:

http://www.tierschutzombudsstelle.steiermark.at/cms/dokumente/12736640_50074656/2d5453d0/TSO_Taetigkeitsbericht_2018_FINAL.pdf