Der Welternährungstag bringt neuen Hunger mit sich. Und alle 10 Sekunden ein Kind, das daran stirbt. Was das mit dem Billigfleischsystem zu tun hat.

Besser war früher nicht alles. Mangelernährung gab es immer. Aber heute erreicht sie eine neue Dimension. ©Unsplash

Es sind die Kinder, die neuen Hunger leiden, aber nicht nur. Die einen haben kein Essen. Alle 10 Sekunden verhungert heute noch jeden Tag ein Kind. Die anderen werden immer dicker. Mittlerweile sind 40 Millionen Kids unter fünf übergewichtig oder fettleibig, zehn Mal so viele Mädchen und zwölf Mal so viele Buben wie 1975. Zwischen 2000 und 2016 hat sich der Anteil noch einmal verdoppelt. Summa Summarum sind 200 Millionen Kinder entweder unterernährt oder übergewichtig. Beides ist übrigens eine Mangelernährung. Die Zahlen hat die UNICEF gerade anlässlich des morgigen Welternährungstages veröffentlicht. Was sie uns sagen? Dass sich unser Verständnis und die Bekämpfung von Mangelernährung ändern müssen. “Es geht nicht nur darum, dass Kinder genug zu essen haben; es geht darum, dass sie das Richtige zu essen haben“, sagt UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore.

Der Welternährungstag

oder Welthungertag findet jedes Jahr am 16. Oktober statt und soll darauf aufmerksam machen, dass weltweit viele Millionen Menschen an Hunger leiden. Er wurde im Jahr 1979 eingeführt. Begangen wird er am 16. Oktober, weil 1945 die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, die FAO, mit der Aufgabe betraut wurde, die weltweite Ernährung sicherzustellen. Heuer it die Zahl der hungernden Menschen weltweit wieder gestiegen: 821 Millionen Menschen leiden an Hunger. Alle 10 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger.

Das Problem daran: Während man nach dem Richtigen oft suchen muss, findet sich das falsche, nämlich Fast Food und Soft-Drinks, heute oft selbst im kleinsten Dorf. Auch eine Auswirkung eines überbordenden globalen Systems, auf dem sich die Gabentische nur so biegen, das gleichzeitig aber einen Mangel produziert. Ein anderes Beispiel für den neuen Hunger in der Welt? Betrachten wir  die Entwicklung Südamerikas, eines von der industriellen Agrarwirtschaft dominierten Kontinents. Trotz gewaltiger Expansion der Agrarflächen ist Anteil der Hungernden dort stark gestiegen. 131 Millionen Menschen sind betroffen, ein Anstieg um 67 Prozent seit dem Jahr 2014. Südamerika ist bekannt für die aggressive Expansion der Produktion weniger Agrargüter wie Soja, Rindfleisch oder Zuckerrohr. Doch was geschieht damit? Es landet als Soja in den Trögen unserer unter unwürdigen Bedingungen gehaltenen Billig-Schweine, als Steak auf manchem Teller und über den allgegenwärtigen Zucker muss man ohnehin kein Wort verlieren. Die FAO sagt, vor allem unsere Gesundheit und das Klima seien Hauptbetroffene des weltweit vorherrschenden Systems, das primär auf Profitmaximierung zu Lasten der Tiere, der Umwelt und der Bauern beruht.

Was hat das Billigfleisch-System damit zu tun?

Was braucht es, um die Kehrtwende einzuleiten? Zum Beispiel in Österreich, um im eigenen Land zu beginnen? Eine radikale Wende bei Handel, Förderwesen und öffentlicher Beschaffung, sagt  Sebastian Bohrn Mena, der Initiator des heimischen Tierschutzvolksbegehrens. “Derzeit leben wir in einem Billigfleisch-System: Im Handel jagt eine Rabattaktion die andere, während tierische Produkte viel zu oft in Mülleimern landen.” In öffentlichen Küchen, so Bohrn Mena, werde mit Steuergeld möglichst günstig eingekauft, Fördermittel würden primär in die Massenproduktion fließen. “Klimafreundlichkeit und Tierwohl spielen keine Rolle. Die Verantwortung wird gänzlich an die Konsumenten delegiert, die durch fehlende Transparenz oftmals überhaupt nicht wissen, was auf ihren Tellern landet.”

Fleisch als Flächenräuber und Treibgasproduzent

Apropos Klimafreundlichkeit: Betrachtet man die Treibgasemissionen, so entstehen alleine in Österreich über 25 Prozent durch die Lebensmittel-Produktion, laut IPCC-Special Report global sogar bis zu 37 Prozent. Was das Fleisch betrifft, so braucht es für die Erzeugung von 1.000 Kalorien aus Rindfleisch 31 Quadratmeter an Fläche und 6.500 Gramm CO2, für die gleiche Kalorien-Menge aus Gemüse hingegen kaum zwei Quadratmeter Fläche und es werden nur 150 Gramm CO2 emittiert. Und damit sind wir auch schon wieder bei der FAO: Laut der betragen die globalen Folgekosten dieser Ernährungsweise und des daraus resultierenden Übergewichts über zwei Billionen Dollar pro Jahr. Mehr als 900 Millionen Menschen sind weltweit inzwischen übergewichtig. Und zur Erinnerung noch einmal, weil es so absurd ist: Gleichzeitig verhungert 2019 alle zehn Sekunden ein Kind und sind gesamt fast ebenso viele Menschen unterversorgt, nämlich über 800 Millionen.

Milchmädchen-Rechnung

Können die Europäer, was das große Ganze betrifft, ihre Hände in Unschuld waschen? Nein. Bohrn Mena bringt ein einleuchtendes Beispiel, das genau zeigt, woran es krankt: “Mit Unmengen von unserem Steuergeld geförderte landwirtschaftliche Überschüsse, etwa bei Milch, werden zu Spottpreisen in den globalen Süden exportiert und zerstören dort die lokale Landwirtschaft. Ein Liter vor Ort erzeugter Milch in Burkina Faso kostet das Dreifache der importierten EU-Pulvermilch. Das sind nur kleine Auszüge unseres Systems, das in vielfacher Weise schädlich für uns alle ist.” Und weil es von den Milchmädchen nicht weit zu den Frauen am Land ist und wir heute den internationalen Tag der Frauen am Land haben: Wenn man bedenkt, dass Frauen in Asien, Afrika und Lateinamerika zwischen 60 und 80 Prozent der Grundnahrungsmittel produzieren, erscheint es geradezu paradox, dass auch sie überproportional von Hunger betroffen sind.

Wollen Sie das Tierschutzvolksbegehren unterschreiben, das sich für eine radikale Wende bei Handel, Förderwesen und öffentlicher Beschaffung einsetzt? Hier können Sie es: http://www.tierschutzvolksbegehren.at