Der Herbst schmeckt nach Wein
Im Herbst feiern Österreichs Weinregionen die Ernte, die fünfte Jahreszeit, den neuen Jahrgang aber auch eine jahrhundertealte Wein-Genusskultur.

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Von den historischen Kellergassen Niederösterreichs über die sonnenverwöhnten Weinberge des Burgenlands bis zu den steirischen Weinstraßen und den Wiener Heurigen. Herbst ist die Zeit, in der sich die Weingärten golden färben, die Luft nach reifen Trauben duftet und in den Kellern die Arbeit auf Hochtouren läuft. Zwischen Spätsommer und November verwandelt sich Österreichs Weinland in eine Bühne für Genuss, Geselligkeit und gelebtes Brauchtum. Die Weinlese bestimmt den Rhythmus der Tage, Winzer bringen ihre Ernte ein, und vielerorts öffnen Weingüter, Keller und Buschenschänken ihre Türen. Der Weinherbst ist dabei weit mehr als eine touristische Saison: Er erzählt von der Arbeit eines ganzen Jahres, von regionaler Identität und von der Vorfreude auf den neuen Jahrgang.
Niederösterreich: Die fünfte Jahreszeit
Acht Weinbaugebiete prägen in Niederösterreich Landschaft, Weinstil und Festkultur – vom Weinviertel über das Kamptal und den Wagram bis zur Wachau und zur Thermenregion. Besonders charakteristisch sind die historischen Kellergassen des Weinviertels: kleine, dicht aneinander gereihte Presshäuser, die im Herbst zu geselligen Treffpunkten werden. Bei Kellergassenfesten, Weinverkostungen und offenen Kellertüren begegnen Gäste den Menschen hinter dem Wein. Dazu kommen regionale Schmankerl, Musik und der erste Sturm, jener noch gärende Traubenmost, der den Übergang vom Most zum Wein schmeckbar macht.
Auch die Wachau feiert ihre Weintradition mit Verkostungen und Weintaufen, während am Wagram, im Kamptal und im Kremstal Weinerlebnisse, Riedenwanderungen und kulinarische Veranstaltungen die herbstliche Landschaft in Szene setzen. Rund um Martini, am 11. November, bilden Jungweinsegnungen und Weintaufen vielerorts den feierlichen Abschluss der Saison.
Burgenland: Martiniloben und junge Weine
Rund um den Neusiedler See, im Mittelburgenland und im Süden des Landes wird der Herbst zum Fest der Aromen. Das Burgenland ist besonders für seine Rotweine bekannt, etwa Blaufränkisch und Zweigelt. Doch auch frische Weißweine und edelsüße Spezialitäten gehören zur regionalen Vielfalt. Im September und Oktober treffen die ersten Jungweine auf herbstliche Küche, Sturm, Kürbis und geröstete Kastanien.
Der Höhepunkt vielerorts ist das Martiniloben rund um den 11. November, den Festtag des heiligen Martin und des burgenländischen Landespatrons. In Orten wie Gols, Illmitz, Mörbisch und Rust öffnen Winzer ihre Keller, schenken den jungen Jahrgang aus und laden zu Verkostungen ein. Das Besondere: Wein wird hier nicht nur probiert, sondern gemeinsam mit regionalem Brauchtum und Kulinarik gefeiert.
Steiermark: Sturm, Kastanien und Klapotetz
In der Südsteiermark wird der Weinherbst zum sinnlichen Landschaftserlebnis. Die steilen Weinhänge, die geschwungenen Weinstraßen und die Buschenschänken bilden die Kulisse für eine Jahreszeit, in der Genuss und Ernte eng miteinander verbunden sind. Ein unverwechselbares Wahrzeichen ist der Klapotetz, eine hölzerne Windmaschine, deren rhythmisches Klappern traditionell Vögel von den reifenden Trauben fernhalten sollte.
Kulinarisch gehören Sturm und gebratene Kastanien untrennbar zusammen. Zu den bekanntesten Veranstaltungen zählen das Gamlitzer Weinlesefest und das Weinlesefest in Eibiswald. Im Spätherbst rückt mit dem Steirischen Junker ein junger, frischer Wein in den Mittelpunkt. Das Junkerfest in Stainz gehört zu den Gelegenheiten, diesen Vorboten des neuen Jahrgangs zu feiern. Auch im Schilcherland und entlang der steirischen Weinstraßen laden Winzerhöfe und Buschenschänken zur herbstlichen Einkehr.
Wien: Weinberge mit Großstadtblick
Dass eine europäische Hauptstadt zugleich ein bedeutendes Weinbaugebiet ist, macht Wien besonders. Rund um Grinzing, Neustift am Walde, Nussdorf, Stammersdorf und Mauer treffen Weingärten auf Stadtleben. Im Herbst verbinden sich Spaziergänge durch die Reben mit Einkehrmöglichkeiten beim Heurigen, wo Wiener Wein, Aufstriche und traditionelle Hausmannskost serviert werden.
Ein Höhepunkt ist der Wiener Weinwandertag, bei dem mehrere Routen durch die Weinberge führen. Winzer und Heurige bieten unterwegs Kostproben und regionale Spezialitäten an. Weinliebhaber entdecken dabei nicht nur die Vielfalt des Wiener Weins, sondern auch Ausblicke über die Stadt und die Donau. Eine besondere Rolle spielt der Wiener Gemischte Satz, bei dem verschiedene Rebsorten gemeinsam im Weingarten wachsen und verarbeitet werden. Hier zeigt sich, wie selbstverständlich Weinbau und urbanes Lebensgefühl ineinandergreifen.
Mehr als ein Fest im Kalender
Ob Kellergassenfest, Weinlesefest, Jungweinverkostung, Weintaufe oder Martiniloben: Der österreichische Weinherbst lebt von regionalen Eigenheiten und gemeinsamen Ritualen. Überall stehen die Menschen hinter dem Wein im Mittelpunkt – ihre Arbeit, ihre Geschichten und ihre Verbundenheit mit der Landschaft. Der Sturm markiert den Beginn, der Jungwein weckt die Neugier auf den neuen Jahrgang, und die Weintaufe verleiht ihm einen feierlichen Auftakt.
Gerade diese Mischung macht den Reiz aus: Der Weinherbst ist zugleich Erntezeit, Kulturerlebnis und Einladung, Österreichs Weinregionen mit allen Sinnen kennenzulernen. Wer sich auf die Reise begibt, erlebt nicht nur unterschiedliche Weine, sondern auch unterschiedliche Arten, das Leben zu feiern.



