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Warum wir Hund, Katz & Co verhätscheln, uns das Schicksal von gequälten Schweinen aber scheinbar kalt lässt: Gedanken zum Welttierschutztag.

J Können wir ein Schwein noch essen, zu dem wir einen Bezug hergestellt haben? Nur sehr schwer. ©Unsplash

Die einen sind Lebensmittel, die anderen mitunter sogar Lebensmittelpunkt. Dass Schweine ihr kurzes Leben auf Vollspaltenböden verbringen und dann unter hochgradigem Stress geschlachtet werden, scheint kaum jemanden zu interessieren. Dass ein Listen-Hund nach einer Beißsattacke eingeschläfert wird, zieht mitunter Mahnwachen und “Er wurde ermordet”-Plakate nach sich. Doch wieso sind uns Haustiere lieb und teuer, dürfen Nutztiere für billiges Fleisch aber leiden? Julia Gutjahr, Soziologin an der Universität Hamburg, sagt, es gibt eine neue Sensibilität für das Schicksal von Tieren, aber eben nicht von jedem Tier. Diese Empathie bleibt “hochgradig selektiv und ambivalent”. Psychologin Tamara Pfeiler kennt diese Ambivalenz auch. Warum der teure Poncho für den Pinscher kein Problem ist, ein paar Euro mehr für das Fleisch besser gehaltener Schweine im Supermarkt aber sehr wohl, erklärt sie ebenso kurz und knapp, wie vielsagend, so:

“In unserer Gesellschaft sind Tiere in ‘essbar’ und ‘nicht essbar’ unterteilt.”

Den Grundstein dafür hat die Industrialisierung gelegt. Davor gab es diese Unterscheidung zwischen Haus- und Nutztieren nicht. Erst als die Menschen Städte bevölkerten, fing es an, dass sie mit Haus-Tieren unter einem Dach lebten, die später zu Familienmitgliedern wurden.

Lebewesen, denen wir nicht lebend begegnen, dazu haben wir keinen Bezug

Daraus erklärt sich auch, warum Nutztiere unser Herz so selten erobern. Die Antwort ist eigentlich einfach und liegt auf der Hand, sagt Ernährungspsychologe Christoph Klotter: “Wir begegnen ihnen nicht lebend.” Will heißen, anonyme Schweine haben nicht die geringste Chance gegen Hund Chef und Katze Bijou. Ihre schmerzhafte, betäubungslose Kastration, ihr kurzes, sechsmonatiges Leben auf Vollspaltenböden ohne jede Beschäftigungsmöglichkeit, dass sie am selben Fleck fressen, schlafen, urinieren und koten, ihre Schlachtung unter Stress, berührt viel zu wenige Menschen. 60 Prozent der Schweine leben in Österreich übrigens so.

Woher kommt der Tierschutztag?

Der erste internationale Tierschutztag fand am 4. Oktober 1931 statt. Er geht auf eine langjährige Forderung des Schriftstellers und Tierschützers Heinrich Zimmermann zurück. Das Datum, der 4. Oktober, wurde zu Ehren des Heiligen Franz von Assisi, dem Schutzpatron der Tiere, gewählt. Er starb im Jahr 1226 und wurde am 4. Oktober 1228 heilig gesprochen.

Dass das des Pudels Kern trifft, zeigt sich, wenn man Experimente betrachtet, bei denen das Nutztier nicht mehr anonymisiert ist. Ein sehr spannendes war das des Wissenschaftsmagazins Quarks & Co. In einer deutschen Innenstadt ließ man Passanten am Schlachten von Gänsen teilhaben. Es folgte Empörung oder nacktes Entsetzen fleischessender Erwachsener, die kein Problem haben, eine vakuumierte Gans im Supermarkt zu kaufen. Den Backenknochen am Hals der Gans erfühlen. Die Kehlhaut nach unten ziehen. Das Messer seitlich ansetzen. Mit der Klinge rasch den Halsstich setzen, um Schlagader und Gurgel zu durchtrennen. Mit der anderen Hand, die den Kopf hält und die Augen verdeckt, sofort das Genick brechen. Wer will das sehen?

Das Fleisch eines Tieres essen, dem sie vorher lebend begegnet sind, das können die wenigsten Österreicher. Selbst Hühnerfüße finden bei uns keinen Anklang, auch sie erinnern zu sehr an das lebende Tier. Im Umkehrschluss erklärt das auch die Vorliebe für Fischstäbchen, die nicht einmal mehr im Entferntesten an Fisch erinnern. Am wenigsten wissen, dass ihr Essen ein lebendiges Tier war, dürfen offenbar Kinder. Unvergessen ist ein Schulskandal aus dem Jahr 2011: In einer Projektwoche zum Thema „Steinzeit“ wurde im Beisein 11jährigen ein Kaninchen getötet und später verspeist. Es erfolgte eine Anzeige. Schon 2009 gab es einen ähnlichen Aufruhr, als TV-Köchin Sarah Wiener in ihrem Kochcamp mit Kindern ein Kaninchen schlachtete und verarbeitete. Auch Chocolatier Josef Zotters essbarer Tiergarten kommt nicht bei allen an. Er hält uns einen Spiegel vor die Nase, lässt uns Tiere liebkosen, die später zu Essen in seiner Kantine werden:

“Mit dem essbaren Tiergarten wollen wir das absurde Spiel umkehren, dass man einerseits nicht wissen will, wie das Tier aus dem Supermarktfleischpackerl gelebt hat und andererseits Tiere, die man streichelt und denen es gut geht, nicht verspeisen möchte.”

Allerdings schlachtet Zotter nicht öffentlich: “Davon bin ich abgekommen. Es könnte als Gag oder Voyeurismus ausgelegt werden.” Doch führen die Einzelambitionen von Querdenkern zu einem wirklichen Umdenken? Oder in anderen Worten? Wird sich unser Bezug zu Nutztieren jemals ändern? Soziologe Marcel Sebastian ist trotz allem zuversichtlich. Zum einen, weil der Anteil an Vegetariern in der Bevölkerung zunehme. Zum anderen gebe es “das Bedürfnis, die Beziehung zu Tieren, auch zu Nutztieren, neu auszuhandeln. “Meine Prognose ist, dass wir vor einem grundlegenden Wandel stehen.

Bitte unterstützen Sie mit Ihrer Unterschrift  des Tierschutzvolksbegehrens das artgerechte Leben von Nutztieren:
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