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Bundespräsident Van der Bellen besuchte gestern eine “Roof Top Farm” in New York. Allerdings hätte er auch nach Graz fahren können. Da gibt es auch eine.

Bundespräsident Van der Bellen gab sich beeindruckt von der Rooftop Farm “Brooklyn Grange”. ©HBF/C. Karlovits

Gackernde Hühner, ein Bienenstock, Salat, Karotten, Gurken. Die Szenerie ist idyllisch. Bis man sich ins Gedächtnis zurückruft, dass man sich auf dem Dach eines rund 100 Jahre alten, ehemaligen Industriegebäudes befindet, das einst Möbel produzierte, dann Autoteile herstellte und später verwaiste. Und dahinter die beeindruckende Skyline New Yorks thront.  Sogar unser in Überraschungen nicht ungeübter  Bundespräsident gab sich erstaunt, als er die “Brooklyn Grange Roof Top Farm” gestern anlässlich seines Klimagipfel-Aufenthalts besuchte. Diese Dachgärtnerei sei ja “kein Hobby für Spinner”, so Van der Bellen, sondern werde kommerziell betrieben. “Es gefällt mir, wie hier Ökologie und Ökonomie verbunden werden.” Gwenn Schantz Geschäftsmodell floriert. Zwischenzeitlich betreibt sie mit Gleichgesinnten auf Queens auf Long Island, Manhattan und in Brooklyn Dachfarmen und beliefert Restaurants wie auch Supermärkte. Doch die Sache ist nicht so einfach, wie sie klingt. Um eine Dachfarm zu tragen, muss nämlich die Baustruktur passen. Schließlich werden hier jährlich auf 6.000 Quadratmeter rund 7.000 Tonnen Gemüse und Salat geerntet. Da muss ein Dach stabil sein, und das sind beileibe nicht alle in New York, vor allem nicht die jüngeren Bauten. Die Brooklyn Grange setzt übrigens auf ultraleichte Spezialerde, um das Dach nicht zu belasten.

Die Arbeit ist in luftiger Höhe nicht weniger anstrengend als auf dem Boden der Realität. ©Brooklyn Grange Roof Top Farm

New York sei sich der “Dramatik bewusst”, konstatiert Van der Bellen und meint damit den Klimawandel. Tatsächlich soll dort sich dort ab Oktober gesetzlich verankert auf jedem Neubau mit Flachdach entweder eine Solaranlage, ein Energie erzeugendes Windrad oder eben eine Grünfläche befinden.  Die ‚Urbane Landwirtschaft‘ in New York hat schon heute längst ein Big-Business-Level erreicht. Hinter jenen, die das geschafft haben, stecken in der Regel innovative Gründer wie Gwenn Schantz oder aber Viraj Puri, Eric Haley und Jennifer Nelkin. Das Trio bewirtschaftet heute mit 20 Vollzeit-Mitarbeitern eine 15.000 Quadratmeter große klimatisierte Dach-Gewächshausanlage namens “Gotham Greens”, deren Herzstück eine 55 Kilowatt-Solarpanelanlage ist. Jährlich verkaufen sie über 100 Tonnen Premium-Qualitäts-Gemüse und -Kräuter an die lokalen Restaurants und Retail-Märkte in New York City und werden der Nachfragen gar nicht mehr Herr.

Nächster Stop: Graz

Der begeisterte Rooftop-Farm-Anhänger Van der Bellen könnte sich, wenn er wieder auf heimischem Boden ist, gleich wieder aufmachen. Nach Graz nämlich. Dort betreibt man nämlich seit 2018 auch Rooftop-Farming. Genauer gesagt das Projekt „Smart City Rooftop Farming“ in 60 m Höhe am Dach des Science Tower Graz. Was will man damit? Zeigen, dass nachhaltige Nahrungsmittelproduktion auf urbanen Dachflächen ein Lösungsansatz für Städte zur Anpassung an den Klimawandel ist. „Die Dächer in der Stadt der Zukunft haben drei wichtige zusätzliche Funktionen: Die Stadt zu kühlen und Lebensmittel sowie Strom zu produzieren”, sagt Franz Prettenthaler von “Life”. Life gehört zum Joanneum und bewirtschaftet den Dachgarten. Auf der 100 Quadratmeter-Dachfläche, die rund ist, gibt es an die 20 große Hochbeete. Dort werden nicht nur Salat-, Gemüse- und Kräuterbeete angebaut. Es finden sich auch Feigen- und Olivenbäume.

Hoch über Graz, im 16. Stockwerk des Science Tower gedeiht am Dachgarten jedwedes Gemüse. ©Science Tower Graz

Dass das Betreiben von nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion auf urbanen Dachflächen “der” Lösungsansatz für Städte zur Anpassung an den Klimawandel, glaubt auch Stadtplaner Kheir Al-Kodmany von der University of Illinois in Chicago. Dächer, auf denen es grünt und blüht wirken sie wie eine Art natürliche Klimaanlagen und können dadurch den Energieverbrauch eines Gebäudes um bis zu 30 Prozent senken. Das kann sich tatsächlich sehen lassen. Allerdings braucht es auch wissenschaftliches Know-How. In Graz arbeitet man mit vier landwirtschaftlichen Fachschulen aus der Steiermark zusammen. Und nicht nur mit denen. Jugendlihce des Caritas-Beschäftigungsprojekts “tag.werk” arbeiten unter Anleitung eines Gärtners auf dem Dach. Der beste Verbündete ist schließlich das Restaurant Streets, das Franziska Grossauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite führt. Bis zu zweimal am Tag und auch an den Wochenenden ernten die Köche des Streets Salate, Gemüse, Kräuter und bald auch Obst und Oliven. All das landet dann umgehend in regionalen und internationalen Gerichten. Die üblichen Glashauskulturen findet man auf dem Grazer Dach nicht. Dort arbeitet man mit frosttoleranten Pflanzen, die den ganzen Winter nur zusätzliche LED-Beleuchtung brauchen. Bewährt haben sich etwa Mangold, Palmkohl oder Asia-Salate. Neben Lebensmitteln produziert die Farm übrigens auch Energie, allerdings nicht über Solarzellen: “Wir gewinnen unseren Strom nicht mit Photovoltaik, sondern mit der sogenannten Grätzel-Zelle, durch die das Licht – auf das die Pflanzen ja angewiesen sind – nicht abgehalten wird”, so der Life-Direktor. Noch eine kurze Zusammenfassung, um alle positiven Effekte auf einen Blick zu sehen? Gerne. “Die Menschen in der Stadt profitieren durch die unmittelbare Verfügbarkeit von lokal produzierten Nahrungsmitteln und mehr Grün in der Stadt. Die Verwirklichung des Konzepts bringt kurze Transportwege und einen positiven Effekt auf das Mikroklima in der Stadt.” Das stammt nicht von uns, sondern von denen, die mit viele Liebe am Joanneum-Projekt werken. Aber wir sehen das genauso.

https://www.brooklyngrangefarm.com

https://rooftopfarming.at