Der WWF liefert sich mit dem heimischen Handel ein Battle zum Thema Preisdumping bei Fleisch, das offenbar keinen mehr kalt lässt.

Der WWF prangert die Fleisch-Rabattaktionen des Handels an und unterfüttert das Thema mit Daten. ©Wikimedia

“Ein Kilo Kartoffel-Chips kostet im heimischen Lebensmittel-Einzelhandel mehr als ein Kilo Fleisch.” Fakten wie diese geben eine gute Schlagzeile.  Und die brauchen NGOs wie die Umweltschutzorganisation WWF. Doch was steckt hinter der Headline? In diesem Fall eine vierwöchige Analyse von Rabattaktionen in österreichischen Supermärkten im Rahmen der neuen Initiative “Fleisch ist uns nicht Wurscht”. Und die zeigt relativ unverblümt, dass hierzulande tatsächlich eine hinterfragenswerte Aktionis herrscht, wenn es darum geht, Fleisch an den Mann und die Frau zu bringen. Produkte wie Schweinsschnitzel oder gemischtes Faschiertes sind quasi immer stark rabattiert – bis zu Minus 50 Prozent, unabhängig von saisonalen Schwankungen übrigens. Geht es konkreter? Natürlich: Ein ganzes Huhn um zwei Euro, ein Kilo Schweinefleisch um weniger als fünf Euro oder ein Kilo Spareribs um weniger als vier Euro. Dass Tier- und Umweltfreundlichkeit bei solchen Preisen auf der Strecke bleiben, versteht sich von selbst. Der Vergleich zeigt aber auch, dass viele für Junk-Food mehr ausgeben, als für Frischfleisch. “Die Wertigkeit von Fleischprodukten wird so völlig verzerrt”, kommentiert Helene Glatter-Götz, WWF-Expertin für nachhaltige Ernährung. Und setzt nach: „Billigfleisch fördert die Ausbeutung von Umwelt, Tieren und Landwirten.”

Dieser Teufelskreis müsse endlich durchbrochen werden. Handel und Politik seien gefordert. Eine verbindliche Regelung müsse her, um den Verkauf von Billigfleisch zu unterbinden, festgeschrieben etwa im Fairnesskatalog des Lebensmitteleinzelhandels. Funktioniere das nicht, dann müssten eben Umwelt-, Gesundheits- und Wirtschaftsministerin ran und auf Gesetzesebene handeln. Wobei Rabatte am Ende der Mindesthaltbarkeit eines Produkts von einem künftigen Verbot ausgenommen sein müssten, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Beispiele, wo Rabattstops funktionierten? Gäbe es genug, etwa Tabakwaren oder Baby-Anfangsnahrung. Und die Österreicher? Würden dann mitziehen. Schließlich könnten sich laut einer Public Option Face to Face-Erhebung 71 Prozent der befragten 1036 Österreicher ab 16 Jahren vorstellen, weniger, aber dafür qualitativ besseres Fleisch zu essen, um die Umwelt zu schonen.

Soll allein der Verbraucher entscheiden?

Nein, sagt der WWF, nur auf die Verantwortung der Konsumenten dürfe das Thema nicht abgewälzt werden. Doch, sagt Rainer Will vom Handelsverband: “Es geht um eine selbstbestimmte Konsumentscheidung.” Jedem Verbraucher stehe frei, zu hochpreisigem Premium-Fleisch in Bio-Qualität zu greifen. “Andererseits hat aber auch jeder Konsument mit kleinerer Geldbörse das Recht auf eine ausgewogene Ernährung, in der Fleisch inkludiert ist.” Was bei Rabattstops passieren würde? Die Preisdifferenz zu Importprodukten aus dem Ausland würde noch höher ausfallen und die Absatzmengen komplett einbrechen, sagt Will, der auch der Ansicht ist, dass die hervorragende Qualität heimischer Fleischprodukte sich durch höhere Preise nicht automatisch verbessern würde. Rabatte und das Instrument der Preispositionierung gehörten in einer freien Marktwirtschaft dazu. Gegen eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung habe der Handel nichts einzuwenden, sofern diese auch in der Gemeinschaftsverpflegung und der Gastronomie Anwendung findet. “Was wir aber keinesfalls wollen, ist eine Bevormundung des Verbrauchers.” Auch die Klimakeule, die der WWF angesichts des hohen heimischen Fleischkonsums auspackt, zieht beim Handelsverband nicht. Weniger Fleisch zu essen, bedeute nicht automatisch weniger Klimaschädlichkeit. Fleischsorten wiesen unterschiedliche Ökobilanzen auf, und der Transport per Flugzeug sowie der Faktor Regionalität spiele eine Rolle.

Anbindehaltung und Vollspaltenböden

WKÖ-Lebensmittelhandelsobmann Julius Kiennast spricht derweil davon, auch preisbewussten Käuferschichten den Erwerb von preisgünstigen – jedoch hochwertigen – Lebensmitteln zu ermöglichen. Dass es die in jedem Preissegment gibt, dem widerspricht allerdings die einstige Grün-Politikerin Madeleine Petrovic: „Das entspricht vor allem im Niedrigpreissegment keinesfalls der Realität. Billigfleisch bei Geflügel stammt oft nicht aus Österreich. Importierte Geflügelprodukte unterliegen aber nur den EU-Mindeststandards zur Geflügelhaltung und die sind deutlich niedriger, als es das österreichische Tierschutzgesetz überhaupt zulassen würde.” Und das AMA-Gütesiegel auf Schweine- oder Rindfleisch? Auch das garantiere keineswegs eine akzeptable Tierhaltung: Beispiele seien hier die Haltung von Schweinen auf Vollspaltenböden sowie die permanente Anbindehaltung von Rindern. „Beide Tierhaltungsformen sind jedenfalls Tierquälerei“, sagt Petrovic. Ihrer Meinung nach könnte sich der Lebensmittelhandel auch bei Geflügel-, Schweine- und Rindfleisch darauf einigen, keine Produkte aus tierquälerischen Haltungen mehr anzubieten. „Die allermeisten Konsumenten würden eine solche Vorgehensweise für gut befinden. Die Verbannung von Käfigeiern aus dem Handel hat dies schon vor vielen Jahren bewiesen.”

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