Eigenes Gemüse kultivieren, pflegen und ernten, das geht auch in Wien. Die Idee der Selbsternte entstand in den späten Achtzigern des vorigen Jahrhunderts.

Ab der Parzellenübernahme Anfang Mai sind die Selbsternter für die Pflege und die Ernte zuständig. ©selbsternte.at

Mit den eigenen Händen in der Erde graben, Setzlinge pflegen, sie heranwachsen sehen und am Ende eine richtig große Gemüse-Ernte einfahren. Das ist der Traum manch urbaner Seele, vom Pensionisten bis zum Schreibtischtäter. Und nicht zu vergessen der von frisch gebackenen Eltern, die ihren Kindern ein Stück Natur nicht vorenthalten wollen, selbst wenn sie die meiste Zeit in Bobo-Bezirken Smoothies schlürfen. Sie alle landen, wenn der Wunsch groß genug ist, irgendwann bei Regine Bruno und checken sich eine Selbsternteparzelle. Bruno ist seit 1987, das war das Jahr nach der Tschernobyl-Katastrophe, die Frau hinter Selbsternte.at, dem vielleicht ältesten Urban-Gardening-Angebot des deutschsprachigen Raumes. Entstanden ist es als Reaktion  auf  ein  zunehmend  anonymes  Agrarbusiness gepaart mit dem Wunsch  nach  Einblick  und  aktivem  Mittun  in  einem  ausgewählten  Teilbereich der Lebensmittelproduktion. Neben begeisterten Hobby-Gärtnern braucht es dazu Biobauern mit gut erreichbaren Acker-Grundstücken, die am Rand oder zumindest im Einzugsbereich von Städten liegen und für eine biologisch zertifizierte Selbsternte-Gemüsekultur geeignet sind. Die einen vermieten den anderen dann gegen Jahresentgelt Gemüseparzellen. Die anderen haben Arbeit, Freude und ernten am Ende des Sommers dann die Früchte ihres Werks. Dass die Idee ankommen würde, zeigte sich rasch im Rahmen eines Pilotprojekts, das Regine Bruno mit Landwirt Rudolf Hascha startete. Innerhalb von ein paar Wochen gab es vor über 30 Jahren gleich mal 120 Interessenten.

Der Biobauer hilft auch ohne Not am Mann

Bevor jetzt die Angst groß wird, natürlich müssen Sie nicht alles selbst machen. Die Profis leisten ordentliche Vorarbeit. “Im Herbst und im Frühjahr bereiten die Biobauern den Boden fachgerecht vor, säen im Laufe vom April, ziehen oder vermitteln auch Biojungpflanzen für die Nutzer”, sagt Bruno. Im Übrigen würden zu diesem Zeitpunkt  dann auch verschieden große Parzellen abgesteckt, die zwischen etwa 20 und 100 qm groß sind. “Wo in den Jahren davor meist eine einzige Feldfrucht angebaut wurde, kommen hier dann mehr als 20 Kulturen reihenweise in den Boden.” Ende April oder Anfang Mai werden die Gemüseparzellen für die gesamte Saison bis etwa Anfang November an die künftigen Hobbygärtner übergeben. Deren Aufgabe ist dann das  Pflegen und Ernten.  Dazu gehören zu bestimmten Zeiten auch einige Stunden jäten pro Woche. Gießwasser gibt es überall, oft auch automatische Feldbewässerungen. Was das Ganze kostet? Der Jahresbeitrag,  gestaffelt nach Parzellengröße, Standort und Betreiberaufwand liegt zwischen 100 und 300 Euro. Ein Highlight für Kids ab acht Jahren gibt es in Mödling: überschaubare, kleine „Kinder-Selbsternteparzellen“. Die Bepflanzung erfolgt nach Kinderwunsch, danach kümmern sich die Minis ganz alleine darum. Und das Beste: Während des Sommerurlaubes wird vom Anbieter gegossen.

Für rund 20 verschiedene Gemüsearten werden die Selbsternte-Parzellen ausgelegt. ©selbsternte.at

Die Großen und die Kleinen erleben lustvoll, was Kreislaufdenken und -handeln für den Einzelnen und auch für einen Lebensraum an sich bewirkt. Für die inzwischen über 70jährige Regine Bruno ist es außerdem wichtig, dass die Landwirtschaft in der Stadt nicht aus dem Blickfeld verschwindet: “Selbsternte sehe ich unter anderem auch als bewussten Brückenschlag zwischen zwei Lebenswelten: zwischen Land und Stadt.” Brücken, sagt sie, dienen letztlich dazu, dass Menschen einander auf Augenhöhe näherkommen. “So mag ich das.”

Durchs Reden kommen d’Leut zam

Für rund 20 verschiedene Gemüsearten werden die Selbsternte-Parzellen ausgelegt, wobei oft auch noch Reihen frei bleiben, damit man persönliche Lieblingsgemüsearten unterbringen oder mit Raritäten experimentieren kann. Zum Konzept gehört auch das Reden mit den Nachbarn. Deshalb sind die Parzellen  nur nummeriert, aber zaunlos. Man trifft sich zudem auf Infotreffen und Workshops. Was oft falsch läuft? Die Neo-Gärtner gießen ersäufen ihre Pflanzen gern mal. Viel gießen ist man von den Balkonkisterln gewohnt. Am flachen Land vertschüssen sich damit aber Aroma und Haltbarkeit, wie Bruno es mal so schön formulierte.

Dem Variantenreichtum ist keine Grenze gesetzt. Es gibt auch Platz für Raritäten und Experimente. ©selbsternte.at

Wie viel man ernten kann? Kommt darauf an, ob Sie zum Hardcore-Gärtner mutieren. Rudi Nemec und Günther Krammer sind solche und haben schon 2006 die Menge des erwirtschafteten Gemüses einer Parzelle am ehemaligen Selbsternte-Standort Ketzergasse bestimmt. Jedes Stück wurde geerntet und gewogen, erläutert Michael Schallmayer in seiner Diplomartbeit zum Thema “Urbaner Ackerbau in Wien”. Am Ende stand da die Zahl 450 Kilogramm. Und jetzt Achtung: Diese Menge gewannen sie aus einer Parzelle. Da bekommt der Begriff Selbstversorger gleich noch einmal eine völlig neue Dimension. Allerdings hatten die beiden auch landwirtschaftliche Expertise, eine Ahnung von Mischkulturen, Fruchtfolgen, Schädlingsbekämpfung sowie Reifedauer und waren damals Ganzjahresgärtner. Für die saisonalen Mieter ist’s Ende Oktober wieder vorbei mit dem hobbybäuerlichen Dasein. Dann kehrt die Winterruhe ein  und  der Betrieb kümmert sich wieder um den Boden. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt. Jedenfalls für drei Viertel der Selbsternter. Denn so viele werden im kommenden Jahr zu Wiederholungstätern.

Selbsterntestandorte Vier Standorte gibt es in Wien, zwei in Hietzing, einen in Hirschstetten, einen in Unterlaa-Kirchacker und einen heuer neu in Floridsdorf. In Niederösterreich gärtnert man selbst in Maria Enzersdorf/Mödling und in Deutsch Wagram http://www.selbsternte.at