Satellitenbilder zeigen:  Wir sind mit einem neuen „Baumsterben“ konfrontiert. Doch ein Baumsterben ist noch lange kein Waldsterben.

Die in “Nature Communications” publizierte Studie dokumentiert Baummortalität. ©Annie Spratt/Unsplash

Borkenkäfer, Eschensterben, Dürre & Co haben es schon erahnen lassen: Der Wald ist wieder in Gefahr. Dabei schien  das “Waldsterben” der 1980er und 90er Jahre dank der Reduzierung der hauptverantwortlichen Schadstoffe abgewendet. Doch die neuen klimatischen Extreme, die hohen Temperaturen und der wenige Niederschlag der letzten Jahre bringen neue Gefahren mit sich. Vier Generationen der angesprochenen Borkenkäfer statt zwei zum Beispiel. 2017 waren in ganz Niederösterreich schon 40 Prozent aller gefällten Bäume vom Borkenkäfer befallen, 2018 sind es voraussichtlich mehr als 50 Prozent. Den Eschen wiederum macht der ostasiatische Schlauchpilz  zu schaffen, und nicht nur das, der asiatische Eschenpracht-Käfer ist ebenfalls im Anmarsch. Doch reicht all das wirklich, um von einem neuen Baumsterben zu sprechen? Ja, sagen die beiden Forscher Cornelius Senf von der Humboldt Universität Berlin und Rupert Seidl von der TU Wien.

Österreichs Wälder sind am stärksten betroffen

Eine Forschergruppe mit den beiden Wissenschaftlern an der Spitze hat 720.000 Satellitenbilder aus Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei und der Schweiz manuell interpretiert und festgestellt: Das Baumsterben in Mitteleuropas Wäldern hat sich in den letzten dreißig Jahren verdoppelt. Im Schnitt war 1985 noch ein halbes Prozent der Waldfläche betroffen, 2015 bereits ein Prozent. Umgerechnet ist das eine Waldfläche von 3.000 km2 oder die Fläche der Bundesländer Vorarlberg und Wien zusammen. Und die aktuellen Ergebnisse zeigen zwei weitere Details. Erstens war das Waldsterben vor 30 Jahren quasi lächerlich gegen das, was jetzt passiert und zweitens ist Österreich innerhalb der sechs untersuchten mitteleuropäischen Länder am stärksten betroffen.

Mensch und Klima führen zum Baumsterben

„Winterstürme und Borkenkäfer, welche sich durch die warmen und trockenen Bedingungen rasch vermehren, verursachen großflächige Baummortalität“, so der Hauptautor der Studie, Cornelius Senf. Ein weiteres Ansteigen des Baumsterbens im fortschreitenden Klimawandel, sagt er,  ist wahrscheinlich. Doch auch die menschliche Nutzung des Waldes in Mitteleuropa habe in den letzten Jahrzehnten zugenommen, da Holz ein stark nachgefragter, lokal verfügbarer und nachwachsender Rohstoff sei. Allerdings ist der Waldbau in den letzten 30 Jahren deutlich schonender geworden, auch das dokumentierten die Forscher in ihrer Studie. „Unsere Daten zeigen eine Verschiebung von großflächigen Kahlschlägen hin zu einer kleinflächigen Öffnung des Kronendachs und der Entnahme von nur wenigen Bäumen pro Bestand“, so Boku-Experte Seidl.

Baumsterben oder Waldsterben?

Halten wir also fest: Die vom Baumsterben betroffene Waldfläche in Mitteleuropa hat in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen. Dem gegenüber steht aber, sagen die Forscher, dass sich die Anzahl der sterbenden Bäume in Mitteleuropa in dieser Zeit kaum verändert hat. Was im ersten Augenblick paradox erscheint, lässt sich so erklären: heute sterben tendenziell ältere und größere Bäume als früher und das führt zu größeren Lücken im Kronendach des Waldes. „Die Antwort auf die Frage, ob wir aktuell eine neue Phase des Baumsterbens erleben hängt also auch davon ab, welche Maßzahl man dafür heranzieht“, betonen die Forscher. Baumsterben sei jedoch nicht gleich „Waldsterben“, denn: Oft wächst unter den abgestorbenen Bäumen bereits die nächste Baumgeneration heran.